2009-06-26 - Eine Gruppe europäischer Unternehmen wird im nächsten Monat auf einer Gründungsversammlung die Industrieinitiative Desertec ins Leben rufen. Dabei werden sie über eine Idee diskutieren, die ABB schon Anfang der 1990er Jahre vorbrachte: die Nutzbarmachung der Sonnenenergie in Wüsten, um Europa mit emissionsfreiem Strom zu versorgen.
Geboren wurde diese Idee in dem ABB-Geschäftsbereich, der die Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) für die effiziente Übertragung großer Strommengen entwickelte. Gunnar Asplund, seinerzeit bei ABB Entwicklungsleiter für die HGÜ-Technik, erstellte 1992 einen Plan, in dem er detailliert aufzeigte, wie erneuerbare Energien zur Deckung des Strombedarfs unserer energiehungrigen Bevölkerungen genutzt werden könnten.
Sein Plan umfasste Windparks, Wasser- und Geothermiekraftwerke sowie ein Netz von Solarkraftwerken in Nordafrika, die über hocheffiziente HGÜ-Leitungen mit Europa verbunden werden sollten. In den 1990er Jahren regte diese Idee zu Zukunftsträumen an. Heute ist sie zentrales Thema des Projekts Desertec.

Eine Gafrik des Desertec-Projekts. Bild: Desertec Foundation
Desertec zielt darauf ab, die Vision von ABB in die Tat umzusetzen. Zu diesem Zweck soll in der Sahara sauberer Wüstenstrom erzeugt werden und bis zum Jahr 2050 bis zu 15 Prozent des Energiebedarfs Europas decken. Vor dem Hintergrund wachsender Sorgen über die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung bat eine Gruppe von europäischen Unternehmen unter der Leitung der Versicherungsgruppe Münchener Rück in der vergangenen Woche um Unterstützung für das Projekt.
„Regenerative Energien haben in Europa und Nordafrika enormes Potenzial“, sagte Joachim Schneider, Leiter der ABB-Division Energietechnikprodukte in Deutschland, im Mai in seiner Rede auf der Power-Gen in Köln. „Allein im Norden und in der Mitte Europas ist ein Potenzial von über 200 Gigawatt Wasserkraft und 300 Gigawatt Offshore-Windkraft verfügbar, während in Südeuropa und Nordafrika rund 700 Gigawatt an Solarenergie zur Verfügung stehen.“
ABB ist seit mehreren Jahren als technischer Berater für die Desertec Foundation tätig und hat auf verschiedenen hochrangig besetzten Konferenzen Vorträge über das Projekt gehalten, zuletzt auf der Power-Gen in Köln.
In der Vergangenheit war die Vorstellung, in der Wüste Solarstrom zu erzeugen und über Tausende von Kilometern zu Verbrauchern in Europa zu transportieren, reine Utopie. Der Verwirklichung standen drei Probleme im Weg: die mangelhafte Übertragungseffizienz, fehlende Technologien für die Stromerzeugung und der fehlende politische Wille.
Dank der Entwicklung effizienterer Übertragungstechnologien und großen Fortschritten in der Solartechnik wurden zwei dieser Hürden praktisch überwunden. Und da sich mittlerweile die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels immer klarer abzeichnen, wächst auch der politische Wille, Projekte wie Desertec voranzutreiben.
Mit der von ABB in den 1950er Jahren entwickelten HGÜ-Technik lässt sich Strom mit Verlusten von nur 3 Prozent pro 1.000 Kilometer übertragen. Über 90 Prozent der Weltbevölkerung leben in einer Entfernung von bis zu 3.000 Kilometern von einer Wüste. Somit kann die HGÜ-Technik maßgeblich dazu beitragen, die ABB-Vision in die Tat umzusetzen.

Parabolspiegel in der nordafrikanischen Wüste. Bild: Desertec Foundation
ABB, auch heute noch Weltmarktführer im HGÜ-Sektor, beteiligt sich zur Zeit an verschiedenen Projekten zur Stärkung des europäischen Stromnetzes. Hierzu zählen das europäische „Supernetz“ zur Einspeisung von Energie aus Offshore-Windparks ins Stromnetz und Initiativen zur Steigerung der Zahl von Netzverbindungen. Diese werden die Flexibilität und Zuverlässigkeit des Netzes verbessern.
Erst vor kurzem wurde das Projekt NorNed abgeschlossen. NorNed, eine 580 Kilometer lange Unterwasserleitung zwischen Norwegen und den Niederlanden, ermöglicht es den Niederlanden, bei starker Nachfrage grünen Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken zu importieren und bei geringem Strombedarf überschüssigen Strom aus seinen Wärmekraftwerken zu exportieren. Dieser Austausch senkt den Bedarf an Energieerzeugung auf Wärmekraftbasis und vermeidet im Jahr geschätzte 1,7 Millionen Tonnen Treibhausgase.
Auf dem Gebiet der Energieerzeugung ist ABB der führende Lieferant von Systemen und Komponenten für die Windindustrie und bietet auch dem Wasserkraftsektor ein breites Spektrum an Ausrüstung, Mess- und Regeltechnik an. Außerdem ist der Konzern bereits seit den 1990er Jahren in der Solarindustrie aktiv.
Auch in der konventionellen Energieerzeugung verfügt ABB über umfassende Erfahrung. Das Unternehmen besitzt das notwendige Know-how, um die betreffenden Technologien anzupassen und erneuerbare Energien in großem Maßstab integrieren zu können.
ABB bietet schon heute eine breite Palette an Energie- und Automationslösungen für die Solarindustrie und wird weiterhin die hochspezialisierten Technologien entwickeln, die für die Umsetzung von Projekten wie Desertec benötigt werden.
Zu den Solarinstallationen von ABB gehören die Solarthermie-Kraftwerke Extresol und Andasol in Spanien - mit 200 Megawatt die beiden größten in Europa - und das bahnbrechende integrierte 175-MW-Solar-/Kombikraftwerk Hassi R’Mel in Algerien.
Das umfassende Angebotsspektrum von ABB für die Solarindustrie kam auch in der schlüsselfertigen Lieferung der Photovoltaikanlage Totana in Spanien im Jahr 2008 zum Ausdruck. Zur Maximierung der Anlagenleistung wurde Totana mit innovativen Solar-Trackern und patentierter Optimierungstechnologie ausgestattet.
Es gibt noch viel zu tun. ABB wird Desertec daher auch in Zukunft aktiv unterstützen und die notwendigen technischen Entwicklungen bereitstellen, um die Erzeugung von Solarstrom in großem Maßstab Wirklichkeit werden zu lassen.